EKKEHARD GNADLER PHOTOGRAPHIEN

EKKEHARD GNADLER

PHOTOGRAPHIEN

 

DER ZAUBER VENEDIGS

Hippolyte Taine, aus "Voyage en Italie", 1866

"Der Bereich und die Gewohnheiten des Auges werden verwandelt und erneuert. Der Augensinn entdeckt eine andere Welt. An Stelle von der starken, klaren, trockenen Farbe des festen Landes ist hier ein Schillern, ein Auflösen, ein unaufhörlicher Glanz verschmolzener Farben, die einen zweiten Himmel darstellen, ebenso leuchtend, aber bunter, wechselnder, reicher und intensiver als der andere, gebildet aus vermischten gebrochenen Tönen, deren Verbindung eine Harmonie ist. Man könnte Stunden zubringen mit der Beobachtung dieser Abstufungen, dieser Nuancen, dieser Pracht. Ist von einem solchen Schauspiel, das täglich zu betrachten ist, ist von dieser Natur, die unwillkürlich zur Führerin übernommen wurde, ist von einer Vorstellungskraft, die zwangsläufig erfüllt wurde von diesem wogenden und lustvollen Anschein der Dinge, das Kolorit der Venezianer herzuleiten?

Tag der Gondel; man muß zunächst umherschweifen und das Ganze sehen. es ist die Perle Italiens; ich habe nichts Gleiches gesehen. Wenn man sich an die trüben Straßen von Rom und Neapel erinnert, wenn man an die nüchternen graden Straßen von Florenz und Siena denkt, und wenn man dann diese Paläste von Marmor betrachtet, diese Brücken aus Marmor, diese Kirchen aus Marmor, diese kostbare Verzierung von Säulen, Balkonen, Fenstern, diese gotischen, moresken byzantinischen Profile und die universale Gegenwart des bewegten und blinkenden Wassers, dann fragt man sich, warum man nicht sofort hierher gegangen ist, warum man zwei Monate in anderen Städten verloren hat. warum man nicht seine ganze Zeit in Venedig verbringt.

Man entwirft das Projekt, sich hier niederzulassen, man schwört sich, hierher zurückzukommen; zum ersten Male bewundert man nicht nur mit dem Geiste, sondern mit dem Herzen, mit den Sinnen, mit seiner ganzen Persönlichkeit. Man fühlt sich bereit, glücklich zu sein; man sagt sich, das Leben sei gut und schön. Man hat nur die Augen zu öffnen, man braucht sich nicht zu rühren, man wird berührt. Die Gondel gleitet mit einer unmerklichen Bewegung; man liegt hingestreckt, man lässt sich völlig gehen, Geist und Körper. Eine feuchte und sanfte Luft berührt die Wangen. Man sieht auf der weiten Fläche des Kanals die rosigen oder weißen Formen der Paläste wogen, die in der Kühle und Stille des Morgens schlummern."